In ersten Schuhgeschäften werden Kunden beim Bezahlen per Karte nach Trinkgeld gefragt. Das Vorgehen stößt bei Verbrauchern und Gewerkschaften auf erhebliche Skepsis.
Was in der Gastronomie längst zum Bezahlalltag gehört, hält schrittweise Einzug im Einzelhandel. In Filialen von Schuhhandelsketten wie Aktiv Schuh und Shoe City werden Kundinnen und Kunden beim Bezahlen mit Karte bereits prozentuale Trinkgeldvorschläge auf dem Terminal angezeigt. Was als Belohnung für gute Beratung gedacht ist, sorgt für hitzige Diskussionen zwischen Handelsverbänden, Verbraucherschützern und Gewerkschaften.
Ein Gastro-Feature zieht in den Laden ein
Bislang galt das Trinkgeld als Privileg der Gastronomie. Durch moderne Bezahlsysteme lässt sich die Abfrage von Zusatzbeträgen an Kartenterminals jedoch mühelos integrieren. Branchenvertreter wie Rolf Pangels vom Handelsverband für Textil, Schuhe und Lederwaren sehen darin die Chance, persönliche Beratung zu honorieren und qualifiziertes Personal an das Unternehmen zu binden.
Laut aktuellen Berichten handelt es sich derzeit allerdings nur um vereinzelte Testphasen einzelner Händler. Weitere Branchenexperten, wie die vom Handelsverband Deutschland (HDE) und des Handelsforschungsinstituts IFH Köln erwarten vorerst keinen flächendeckenden Trend. Der Grund: Bei großen Handelsketten und Supermärkten sind Kassenprozesse vor allem auf maximale Schnelligkeit ausgelegt. Jede zusätzliche Interaktion am Bildschirm bremst den Bezahlvorgang aus.
Skepsis bei Kundschaft und scharfe Kritik von Verdi
Auch bei Verbraucherinnen und Verbrauchern ist die Akzeptanz derzeit gering. Eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov zeigt, dass zwei Drittel der Befragten Trinkgelder im Einzelhandel ablehnen. Lediglich 27 Prozent gaben an, bereit zu sein, für gute Beratung einen Aufschlag zu zahlen. Aufgeschlossener zeigen sich aber jüngere Zielgruppen.
Deutliche Kritik kommt von der Gewerkschaft Verdi. Das Bundesvorstandsmitglied Silke Zimmer wirft den Handelskonzernen vor, sich ihrer sozialen Verantwortung zu entziehen und niedrige Löhne auf die Kundschaft abzuwälzen. Zudem warnt die Verbraucherzentrale Brandenburg vor sozialem Druck an der Kasse. Überraschende Abfragen am Kartenterminal könnten in Kunden das Gefühl von Druck und Bedrängung auslösen. Gefühle, die üblicherweise nicht in die Customer Journey gehören. Vor allem beim Bezahlvorgang. Auch rechtliche Probleme können folgen, falls die Ablehnung des Trinkgelds auf dem Display erschwert wird.
Verbraucher sind nicht begeistert in Zukunft auch im Einzelhandel Trinkgeld zu geben
Fazit
Ob Verbraucher und Kunden das Experiment annehmen, wird sich zeigen. Solange die Mehrheit der Kundschaft den Vorstoß kritisch sieht und Kassenabläufe schlank bleiben müssen, wird sich das System voraussichtlich nicht flächendeckend durchsetzen können.