Das German Venture Capital Barometer fällt weiter. Das erschwert vor allem für Gründer und Investoren im E-Commerce die Finanzierungssuche.
Das Venture-Capital-Geschäftsklima in Deutschland trübt sich weiter ein. Das zeigt das German Venture Capital Barometer von KfW Research und dem Bundesverband Beteiligungskapital (BVK). Für das zweite Quartal 2026 ist der Geschäftsklimaindikator um 10,2 Punkte gefallen und liegt nun bei minus 35,8 Punkten – das ist deutlich unter dem Durchschnitt. Für Gründer und Investoren im E-Commerce und Technologiebereich heißt das: Die Zeiten für Startup-Finanzierung bleiben rau.
Das ist keine Überraschung, aber es ist ein Signal. Wer in den vergangenen Jahren auf schnelle Exits und hohe Bewertungen gehofft hat, muss umdenken. Die drei großen Bremsen – makroökonomische Unsicherheit, steigende Zinsen und schwierige Exit-Bedingungen – wirken weiter. Vor allem die Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank, die aufgrund schwankender Energiepreise und gestiegener Inflationsrisiken erfolgen, drücken auf die Stimmung. Das Geld wird teurer, und das spüren vor allem junge Unternehmen, die auf frisches Kapital angewiesen sind.
Warum das Berliner Startup-Ökosystem besonders leidet
Berlin ist längst das Herz der deutschen Gründerszene. Hier sitzen die größten digitalen Player, die meisten Acceleratoren und die aktivsten VC-Fonds. Aber gerade hier zeigt sich die Eintrübung besonders deutlich. Viele B2C-E-Commerce-Startups, die in den Boomjahren hohe Summen eingesammelt haben, stehen jetzt unter Druck. Die Margen schrumpfen, die Kundengewinnung wird teurer, und die Investoren schauen genauer hin. In Berlin und Brandenburg ist die Eintrübung besonders spürbar. In Coworking-Spaces wird weniger über neue Features geredet, mehr über Runway und Burnrate.
Die Zahlen des Barometers bestätigen den Eindruck. Der Indikator liegt weit unter dem langjährigen Durchschnitt, und die Erwartungen für die kommenden Monate sind gedämpft. Kein Wunder, denn die Exit-Möglichkeiten sind begrenzt. Börsengänge sind selten, Übernahmen durch große Konzerne laufen schleppend. Wer sein Startup verkaufen will, muss mit niedrigeren Bewertungen rechnen oder länger warten. Das ist für viele Gründer ein harter Cut nach Jahren des Optimismus.
Die Rolle der Zinsen und der Inflation
Die EZB hat die Zinsen weiter angehoben, um die Inflation in den Griff zu bekommen. Das klingt abstrakt, hat aber direkte Folgen für die Startup-Finanzierung. Höhere Zinsen machen risikoarme Anlagen wie Staatsanleihen attraktiver. Institutionelle Investoren, die früher bereit waren, in riskante VC-Fonds zu investieren, überlegen sich das jetzt zweimal. Gleichzeitig steigen die Finanzierungskosten für Startups, die auf Kredite angewiesen sind – und das sind viele, vor allem in der Wachstumsphase.
Hinzu kommt die anhaltende makroökonomische Unsicherheit, die das globale Geschäftsklima belastet. Deutsche Startups, die oft stark auf Exportmärkte angewiesen sind, spüren das direkt. Wer beispielsweise im grenzüberschreitenden E-Commerce tätig ist, muss mit schwankenden Wechselkursen und unsicheren Lieferketten klarkommen. Das ist kein ideales Umfeld, um neue Investoren zu überzeugen.
Was bedeutet das für den E-Commerce?
Der E-Commerce-Sektor war in den vergangenen Jahren einer der größten Profiteure der Startup-Finanzierung. Plattformen, Logistik-Dienstleister, Payment-Lösungen – alles hat Kapital angezogen wie Magneten. Jetzt dreht sich der Wind. Investoren bevorzugen Startups mit klaren Umsätzen und nachhaltigen Geschäftsmodellen. Reine Wachstumsstorys ohne Profitabilität haben es schwer. Das trifft vor allem jene Unternehmen, die in der Pandemie stark gewachsen sind und jetzt mit sinkenden Kundenausgaben kämpfen.
Für Händler und Marktplätze bedeutet das: Sie müssen ihre Finanzierungsstrategie überdenken. Wer früher auf Venture Capital gesetzt hat, sollte jetzt alternative Quellen prüfen – etwa strategische Partnerschaften, Corporate Venture Capital oder staatliche Förderprogramme. Die KfW selbst bietet über ihre Programme Unterstützung, aber die Nachfrage ist hoch, und die Hürden sind gestiegen. Auch der Blick in andere europäische Länder kann sich lohnen. In Skandinavien oder den Benelux-Staaten sind die Bedingungen oft etwas günstiger, weil die Märkte kleiner und die Investoren näher am operativen Geschäft sind.
Die Zukunft der Finanzierungslandschaft
Die Eintrübung des VC-Klimas wird nicht ewig anhalten. Aber kurzfristig sehen die Aussichten düster aus. Viele Fonds sammeln gerade selbst Geld ein und haben Probleme, ihre Zielfondsgrößen zu erreichen. Das führt zu einer Konsolidierung: Nur die besten Teams und die vielversprechendsten Startups bekommen noch Kapital. Für die Masse der Unternehmen wird es eng. Das ist ein gesunder Reinigungsprozess, aber einer, der Schmerzen bereitet.
Ein Lichtblick: Die deutsche Politik hat die Bedeutung von Wagniskapital erkannt. Der Zukunftsfonds, der mit staatlichen Mitteln Venture-Capital-Investitionen fördert, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Doch solche Programme brauchen Zeit, bis sie wirken. Bis dahin müssen Gründer und Investoren kreativer werden. Asset-light-Modelle, Bootstrapping und strategische Allianzen sind keine Modewörter mehr, sondern Überlebensstrategien.